Die Walliserwoche

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Sonntag, 19. September 2021. Wir verlassen die Heimat der Sonne in nördlicher Richtung. Tief „Sven“ winkt bereits mit schwarzen Wolken, welche wir blauäugig ignorieren und ihnen mit einer gehörigen Portion „Egal“ entgegenfahren. Hätten wir zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass unser Ziel, der Westen, wo die Weintrauben und das daraus resultierende Produkt, der Wein, zuhause sind, in ein Fiasko ausartet, dann hätten wir nicht so entspannt in Zwirbels Captain Chairs gehangen und ihn per Autopilot (Beim Auto heisst das Tempomat) in den „Wilden Westen“ pilotiert.

Die erste Hiobs-Botschaft erreicht uns per Verkehrsmeldung aus Zwirbels Radio auf dem Weg in Richtung Norden. In der Höhe schneit es, gerade ging der Furkapass zu und ist wegen Schneefall nicht mehr passierbar. Vor dem Gotthardtunnel findet indessen ein fulminantes Autotreffen statt, der stehende Korso der unterschiedlichsten Marken hat gerade eine Länge von zehn Kilometer erreicht. Nein, man kann diesen an und für sich spannenden Autosalon nicht besuchen, man kann sich nur hinten anstellen.

In Ambri verlassen wir die Autobahn und frohlocken. Yess! Es geht weiter, und dann bald über den Nufenenpass herüber in den Westen, in die Heimat der Weintrauben und deren süffigen Erzeugnissen, und dann, ja dann…

Dann geht plötzlich nichts mehr. Auch der Nufenen, das Tor zum Wein, ist zu. Geschlossen. Abgesperrt. Pasta. Nein, wir frohlocken nicht mehr. Was jetzt? Frau durchforstet Google Maps, Mann und Hund wettern und bellen im Kanon, weil beide dringend mal müssen.

Es ist getan, unsere Blasen sind entleert, ich drinnen, Arico draussen. Susannes Plan fruchtet, wir wenden Zwirbel auf abenteuerliche Weise vor den Schranken der verwehrten Zufahrt und machen uns auf zum Gotthardpass. Unterdessen schneit es zünftig, und die ersten Kilometer hinauf in Richtung Passhöhe lassen bereits erahnen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis hier alles weiss ist. Zwei Kilometer später. Vor uns geht nichts mehr. Ein Kraft strotzender PS-Bolide steht quer, seine breiten Pirelli-Sommer-Walzen mögen wohl locker bis zweihundertfünfzig auf der Bahn mithalten, aber hier, am Fusse des Gotthardmassives, bei akutem Schneetreiben? Nein. Man hilft sich und schiebt ihn zur Seite und die Karawane setzt sich wieder in Bewegung. Langsam und träge. Unser Fiat kann nun punkten, zum ersten Mal aktiviere ich den Berganfahr-Assistenten, das Traction-Plus. Sanft schiebt sich Zwirbel mit der Geschicklichkeit einer Bergziege Meter um Meter durch den unterdessen zehn Zentimeter dicken Schneeteppich. Im Schritttempo und mit gebührendem Abstand zum Vordermann.

Auf der Passhöhe dann der Kollaps. Die Einfahrt dahin ist verstopft mit Dutzenden von „Ich-habe-die Schnauze-voll-und-brauche-eine-Pause“ Aspiranten. Von der Gegenseite erreicht uns ein erster Schneeräumtrupp und salzt uns gehörig ein. Dann heisst es handeln. Ich wechsle von Traction-Plus auf den Bergabfahr-Assistenten, der uns unter gezieltem Abbremsen der einzelnen Räder, leicht schwankend wie eine kleine, schnaubende Dampflokomotive, mit 20 Stundenkilometer vom Pass herunterführt.

Es ist bereits später Nachmittag, als wir Realp erreichen. Die einzige Möglichkeit, momentan ins Wallis zu gelangen, ist der Autoverlad via Furka-Basistunnel nach Oberwald, der direkt ins Goms führt. Wir haben Schwein, es stellen sich erste Anzeichen von Frohlocken ein, denn die Wartezeit hält sich mit einer knappen halben Stunde in Grenzen.

Zwirbels erster Autoverlad klappt ganz gut, seine Ohren (Rückspiegel) sind noch dran, und Arico geniesst es, während der Zugsfahrt nicht in seiner Box, sondern in unserer unmittelbaren Nähe zu sein. Das Rumpeln des Zuges irritiert ihn zwar, aber irgendwann findet er seine Ruhe und geniesst unser Beisammensein im Rudel.

Ja, auch in Oberwald, am anderen Ende des Furka-Basistunnels, schneit es, und ich werde den Gedanken nicht los, vom „Milden Süden“ via „Rauem Norden“ in den „Wilden Westen“ geraten zu sein. Zum Glück enden wir nicht am Marterpfahl, sondern Frühabends in der nächstgelegenen Übernachtungsmöglichkeit, dem Camping Mühleye in Visp. Schön ist anders, und der CP ähnelt mehreren aneinandergereihten Fussballfeldern mit Versäuberungscontainern dazwischen. Egal, die Parzellen sind riesig, die Privatsphäre zwar gleich null, aber der Racletteabend am nächsten Tag im dazu gehörenden Freibad Restaurant relativiert das Ganze. Herrlicher einheimischer Käse, ein fairer Preis, kombiniert mit… ach ja, wir sind ja jetzt in der Heimat der Weintrauben… mit einem aromatischen Heida aus Visperterminen, dem höchsten Weinberg Europas lässt die Fussballfelder-Atmosphäre vergessen und wir geniessen einen gemütlichen Abend.

Morgen geht es weiter, eigentlich an unser Ziel, das wir uns für gestern Sonntag gesetzt haben, dem Camping Swiss Plage in Salgesch. Man sieht sich, bleibt dran!

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